New FAZ article by Christiane Brosius

Wiederaufbau in Nepal

Wir brauchen einen langen Atem

Ungebrochenes Aufbaudenken: In Bungamati am Rande von Kathmandu helfen junge Künstler dabei, die Traditionen zu retten – für eine verantwortungsvolle Zivilgesellschaft.

30.05.2015, von CHRISTIANE BROSIUS

 

We will rise again („Wir werden wiederaufstehen“) steht auf den Ausweisen, die junge Freiwillige, die Trümmer wegräumen, um ihren Hals tragen. Fast zwei Wochen nach dem starken Erdbeben in Nepal sind sie gekommen, um sich beim Aufbau der newarischen Kleinstadt Bungamati am südlichen Rand des Kathmandutals zu beteiligen. Die neuen roten Helme, die viele Helfer tragen, leuchten in der sandigen Schuttlandschaft jener Stadt, die gerade vor wenigen Wochen ihren berühmtesten Bewohner, den Roten Matsyendranath, mit einer großen Prozession verabschiedet hatte.

Nun ist von dem Geburtstempel dieses Gottes, der von Hindus und Buddhisten gleichermaßen verehrt wird, und seiner Heimatstadt, die im 7. Jahrhundert bereits belegt ist, nicht mehr viel übrig. Verlassen steht der Prozessionswagen, den nur alle zwölf Jahre Tausende in die zehn Kilometer nördlich gelegene alte Königsstadt Patan ziehen, an einer Straßenseite. Festgebunden ist sein gut zwanzig Meter hoher Turm, der wie eine müde Person umzukippen droht. Bevor man sich wieder dem Gott, der doch den Menschen ein fruchtbares Erntejahr bringen soll, jetzt aber, wie die Alten sagen, den Menschen grollte und das Erdbeben auslöste, zuwenden kann, muss die Erde befriedet und fast übermenschliche Aufbauarbeit geleistet werden. Es sind gerade die jungen Leute, die dabei vorangehen.

Unter Meeren aus Steinen

In neunzig Sekunden hatte das Beben die Lebenswelt der Nepalesen vielerorts in Schutt gelegt. Besonders betroffen sind im Kathmandutal gerade die alten Weltkulturerbestätten von Kathmandu, Patan und Bhaktapur, aber auch die kleinen Städte wie Shankhu, Harisiddhi oder eben Bungamati. Nur vereinzelt ragen noch Häuser und Bäume heraus. Unter diesen Meeren aus Steinen liegen noch immer nicht geborgene Menschen, Tiere und Nahrung, aber auch Relikte und Monumente einer lebendigen Alltags- und religiösen Kultur. In Bungamati helfen jetzt besonders junge Kunststudenten und ihre Lehrer, diese vor dem Diebstahl und illegalem Kunsthandel zu retten. Zwar geht es ihnen in erster Linie um die leidenden Menschen, zumal viele selbst gestorbene Familienmitglieder und Freunde zu betrauern haben. Aber Kunst ist für sie nicht eine nebensächliche Beschäftigung, die in solchen Situationen hintanzustehen hat. Denn das, was vielfach als museales Kulturerbe bezeichnet wird, ist für sie schlichtweg Leben. Die traditionelle, aber auch die Gegenwartskunst in Nepal ist aufs engste mit der Stadt und der sozialen Umgebung der Künstler verbunden.

Aftermath of Nepal earthquakes
© DPA Provisorische Stützen: Nach den Beben werden die Häuser in Bungamati mit Holzbalken stabilisiert.

Und so sind die roten Helme auch eine Art Leuchtturm und ein Hoffnungszeichen inmitten aller Zerstörung. Mit bemerkenswerter Kraft haben sich Sujan Chitrakar, Künstler und Leiter der Kunst- und Designschule an der Universität von Kathmandu, seine Kollegen und vor allem seine Studenten ins Zeug gelegt. „Nun wird als Erstes Soforthilfe geleistet“, sagt Chitrakar, „wir bauen Unterkünfte, die mindestens zwei Jahre halten sollen, vor allem auch für alte Menschen, die niemanden mehr haben, der sich sorgt. Wir errichten Sanitäranlagen, um Seuchenausbruch zu vermeiden. Und wir kümmern uns um die traumatisierten Kinder, damit sie mit ihren Ängsten im Trümmerhaufen nicht allein bleiben.“ Innerhalb von zwei Tagen haben sie bereits drei größere Unterkünfte für Dutzende von Menschen errichtet. Die beinahe hundert Freiwilligen sind in Gruppen aufgeteilt und feuern sich gegenseitig an. Ihre Mittel sind nicht Bulldozer, Wiederaufbereitungsanlagen und anderes technisches Gerät. Mit ihren Händen stellen sich die jungen Kunststudenten hingebungsvoll den Herausforderungen. Als ich Chitrakar frage, was wir aus Deutschland schicken können, antwortet er kurz und knapp: „Handschuhe, es gibt keine mehr in Kathmandu. Wir brauchen sie für das Wegräumen der Trümmer.“ Chitrakar hat hohe Erwartungen: „Hier lernen die Studenten momentan mehr als in Seminarraum, Bibliothek oder Atelier“, sagt er, wohl wissend, dass diese Orte momentan ohnehin nicht nutzbar wären: Seine gerade neueröffnete Kunstschule musste letzte Woche wegen statischer Risiken geschlossen werden. „Der Klassenraum ist nun eben Bungamati“, statuiert der energische Künstler.

Die Arbeit wird vielleicht Jahrzehnte dauern

Bungamati soll wieder werden, was es einmal war: eine stattliche, stolze Stadt der Newar, der ethnischen Gruppe, die seit Jahrhunderten das Kathmandutal besiedelt und das hervorbrachte, was die Unesco dazu brachte, sieben von vielen anderen Städten in dem Talkessel zum Weltkulturerbe zu erklären. „Wir brauchen nun Expertise und Geld, um einen Masterplan zu entwickeln und die Stadt wieder aufzubauen“, schreibt Chitrakar in einer E-Mail. „Und wir brauchen einen langen Atem.“ Glücklicherweise konnten wir über den Architekten Niels Gutschow den Kontakt zu einem dänischen Architekten vermitteln, der 1968 mit einem Team detaillierte Pläne von Bungamati erstellte und diese erst kürzlich einem Museum in Nepal übergeben wollte. Nun stellt er diese Chitrakar zur Verfügung, der die Pläne zum Wiederaufbau gut gebrauchen kann. Andernorts fehlen solche Dokumentationen, so dass der Wiederaufbau der kunstvollen Tempel nur nach Fotos erfolgen kann. Die jungen Künstler in Bungamati, die sowohl den Menschen als auch den Göttern wieder ein Dach über den Köpfen geben wollen und sich so für den Erhalt der Kulturerbestätten, die auch ihre öffentlichen Orte sind, einsetzen, sind nur ein Beispiel. Am Donnerstag vergangener Woche wagten sich vierzig Künstler, Kunststudenten und -lehrer mit Soldaten der nepalischen Armee in das bereits teilweise kollabierte und unsichere Gebäude der Nationalen Akademie der Künste (Nafa). Sie bargen aus dem prunkvollen ehemaligen Palast eines Ranafürsten in wenigen Stunden 566 Kunstwerke von 508 Künstlern, die sie als ihr Kulturerbe ansehen und die im Rahmen der alljährlichen Nationalausstellung ausgestellt wurden. Knapp eine Woche zuvor hatte eine Gruppe lokaler Bewohner und Architekten vom Königsplatz in Patan mit Hilfe der Armee die Schnitzereien und Statuen aus Stein und Bronze aus den Trümmerfeldern des Platzes geborgen – auch um den Platz wieder so herzurichten, dass man ihn für das Alltagsleben nutzen kann. Nun soll mit Hilfe deutscher und amerikanischer Gelder der Char-Narayana-Tempel wieder errichtet werden – eine Arbeit, die Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern wird und sehr viel Geld braucht. Bis April 2015 hatten sich Architekturhistoriker und Denkmalpfleger an den Zerstörungen des Erdbebens vom 15. Januar 1934 abgearbeitet.

Mit Stolz und Sinn für Solidarität

Eine Besonderheit der jungen Kunstszene in Nepal ist, dass sie kollektiv agiert und sich oft auf soziale und umweltorientierte Themen konzentriert. Diese Gruppen von nahezu mittellosen Künstlern sind nicht oder nur wenig Teil der globalen Kunstszene, die mit kolossalen Finanzmitteln hantiert, sich aber in Nepal bislang kaum hat sehen lassen. Als das Erdbeben ausbrach, waren Sheelasha Rajbhandari, Hitmaan Gurung und Mekh Limbu von Artree, einem dieser kleinen Künstlerkollektive, gerade auf einem Workshop zu mündlichen Traditionen, der von photo.circle angeboten wurde, einer Organisation, die jetzt ebenfalls an Freiwilligenarbeit beteiligt ist. Die Künstler sind untereinander gut vernetzt, und ihre Aktivitäten sind häufig philanthropisch ausgerichtet. Man ist in der Kunsterziehung aktiv, will dadurch schon zur Ausbildung einer neuen Generation beitragen, die nicht nur Fakten, sondern auch lokale Traditionen und Dialekte, Natur und Geschichten schätzt.

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© AFP Was vom Tempel übrig blieb: In Bungamati beteiligen sich junge Künstler an den Bergungsarbeiten und dem Wiederaufbau.

Die Künstlergruppen reagieren so auf die Notwendigkeit, eine aktive und verantwortungsbewusste Zivilgesellschaft aufzubauen und Selbsthilfe zu betonen, wo ein Mangel institutioneller Strukturen besteht. Zudem sind sie darauf bedacht, nicht den Eindruck zu erwecken, dass man bettelt, „nur“ weil man ein „unterentwickeltes“ Land ist. Ihr Stolz ist ebenso bemerkenswert wie ihr Sinn für Solidarität und Selbstorganisation. Sie organisieren sich in lokalen Netzen, aber nicht entlang ethnischer, religiöser oder kastenbasierter Grenzen. Sie engagieren sich in Traumaarbeit für Kinder durch Kunst, dem Bergen von Kunst und Kulturerbe und dem Wiederaufbau der urbanen und dörflichen Trümmerfelder. Die Situation wird nicht einfacher, gerade wo die Bilder der Trümmer aus den internationalen Medien verschwinden und die Spendengelder zu versiegen drohen. Aber immer häufiger begegnet man in den sozialen Medien und in Gesprächen mit den Bekannten und Freunden dem Spruch „Nepal will rise again“. Die Zerstörung hat allen enorm zugesetzt. Aber sie hat auch gezeigt, dass es einen ungebrochenen Geist und ein fast übermenschliches Aufbaudenken gibt, gerade bei der Jugend.

Die Verfasserin ist Professorin für Visuelle und Medienanthropologie am Exzellenzcluster „Asien und Europa im Globalen Kontext“ der Universität Heidelberg und Mitinitiatorin einer vom Südasien-Institut gegründeten Hilfsorganisation für Erdbebenopfer (http://saihelpnepal.com).

Quelle: F.A.Z.

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